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Carsten Seifert Motorsport

Carsten Seifert im Interview

Das folgende Interview führte Martin G. Schmidt.


Für viele Rennfahrer ist das Schönste, ein Auto immer am äußersten Limit zu bewegen. Ist das auch deine Rennfahrerphilosophie?

Da bin ich nicht ganz der Meinung. Wer immer nur hart am Limit fährt, überfährt sein Material auch schnell. Das gilt für Rennwagen wie für Straßenautos. Im Rennen ist es viel wichtiger über die Distanz zu kommen, als eine Bestzeit nach der anderen hinzulegen und am Ende haben die Reifen keinen Grip mehr, da sie überhitzt wurden. Gleiches gilt für´s Bremsen. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich nicht immer derjenige bin, der den spätesten Bremspunkt hat, aber dafür komme ich sauber in die Kurve und mit viel Schwung sauber heraus. Auch bei meinen Sportwagen Trainings versuche ich den Teilnehmern diesen Fahrstiel beizubringen. Es ist sicher, effizient und schnell.


Welche Rolle spielt Erfahrung?

Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Als ich im ADAC VW Lupo Cup startete, dachte ich, ich wüsste wie man schnell Auto fährt. Doch der erste Test auf einem Cup Porsche zeigte mir schnell meine Grenzen. Wenn du von 125 PS Frontrieb auf 370 PS Hecktrieb wechselst, musst du deine Sinne und Reflexe komplett umstellen. Das kann man nur durch viele Kilometer auf der Rennstrecke erlernen.

Der nächste Punkt ist die Fahrwerksabstimmung. Hier ist Erfahrung Gold wert. Zu fühlen, was ein Fahrwerk macht, wie sich das Auto über die Distanz eines Rennens verändert, kann man nur über die Jahre lernen. Themen wie Data Recording sind unterstützend, aber am Ende zählt das „Popometer“ des Fahrers. 


Carsten, wie bist du zum Motorsport gekommen?

Seit meiner frühen Kindheit begeisterte mich alles was sich auf Rädern bewegte. Mein Bruder Michael entdeckte 1993 ein Anzeige in der ADMV Zeitung über ein Kartslalom für jedermann. Wir meldeten uns an und ich belegte dort auf Anhieb den zweiten Platz. Nach dem Sieg im zweiten Rennen war der Rennbazillus präsent. Ein paar Monate später stand das erste eigene Kart auf dem Hof. Mein Bruder und ich teilten es uns. Mal fuhr er und ich schraubte, das nächste Mal war es andersherum.


Also ist deine gesamte Familie mit dem Motorsportvirus infiziert?

Ja, Motorsport ist schon eine Art Familientradition. Den Anfang machte mein Großvater Rudi. Er fuhr Orientierungsrennen und war Mitbegründer des Motorsportclub (MC) Dresden in den 60er Jahren. In der nächste Generation waren dann meine Tante Jutta und mein Vater Jochen aktiv. Beide fuhren erfolgreich Rallye in den 70er Jahren. Mein Vater war Copilot im VW Käfer Team Pattusch/Seifert in der DDR Meisterschaft. Das müssen wilde Zeiten gewesen sein. Sie fuhren bei der Barum Rallye in der damaligen Tschechei sogar den Salzburg Käfern davon. Sie waren - sage und schreibe - eine Nacht lang DDR Meister, aber das ging mit einem Westfahrzeug zu DDR Zeiten ja gar nicht. Als dann Ende der 70er das nichtsozialistische Fahrmaterial verboten wurde, hörten sie auf, aktiven Motorsport zu betreiben.

Heute ist die ganze Familie gern bei meinen Rennen dabei. Besonders meine Eltern lassen so gut wie kein Rennen aus.


Welche Titel, die du bisher gewonnen hast, waren für dich am bedeutendsten?

Meinen ersten großen Titel habe ich mit dem Gewinn der Ostdeutschen Kartmeisterschaft 1998 im 125 ccm Schaltkart erkämpft. Mit dem Gesamtsieg im ADAC VW Lupo Cup 2001 konnte ich dann meine Leistungen erstmals im Tourenwagen beweisen. Nach 2004 gewann ich im Jahr 2006 zum zweiten Mal den Ford Fiesta ST Cup. Dies war auf jeden Fall der härteste Titel. 38 gleichwertige Autos, 15 Rennen und 10 Fahrer, die alle hätten Meister werden können. Sich da durchzusetzen bedurfte nicht nur schneller Runden, nein, das war Rennfahren auf höchstem Niveau. Aber die wichtigsten Titel sind ganz klar die Europameistertitel 2009 und 2010 in der Klasse S1600 der FIA ETCC. Ein kontinetales FIA Prädikat mehrmals gewinnen, ist sicherlich eine der höchsten Auszeichungen die es gibt.


Wie wichtig war der Sieg bei den 24 Stunden am Nürburgring und würdest du auch mal die 24 Stunden von Le Mans fahren?

Langstreckenrennen sind Sprintrennen auf langer Distanz. Schon zu Kartzeiten bin ich in der sächsischen Langstrecken Meisterschaft angetreten. Das waren Rennen über 4 Stunden. Dort erlernte ich schnell das konstante, materialschonende Fahren. 2002 konnte ich in Spa Francorchamps meine ersten automobilen Langstreckenerfahrungen beim 25h FunCup Rennen sammeln. Ich führte nach kurzer Zeit sogar das 118 Autos starke Feld an. Und das gegen Fahrer wie Gilles Panizi, die Kumpen Brüder und Vanina Icks. Eine riesen Erfahrung. Leider mussten wir technisch bedingt viele Rückschläge hinnehmen.

2004 startete ich das erste Mal bei den 24h Rennen in der „grünen Hölle“, wie der Nürburgring auch passend genannt wird. Das muss man einfach mal erlebt haben. Da überholt man gerade einen Mini, da kommt ein 700 PS Alzen Porsche von hinten angeflogen. Nachts im Dunkeln, du riechst im Cockpit die Lagerfeuer der Fans neben der Strecke. Im Morgengrauen der Nebel der Eifel. Gänsehautfeeling! Am Ende haben wir mit über drei Runden Vorsprung unsere Klasse gewonnen. Es war der bis dahin erste Klassensieg eines Ford´s überhaupt. Eine tolle Mannschaftsleistung vom Racing Team East.

Ja, Le Mans ist ein „Muss“ im Leben eines Rennfahrers. Ich hatte schon Angebote auf siegerfähigen Rennwagen in der GT1 Klasse. Doch sind diese bisher nicht finanzierbar gewesen. Da ist man ganz schnell in Bereichen, wo du nur als Werksfahrer genügend Backround hast. Doch eines Tages möchte ich gern dort starten.


Wie würdest du die letzten Minuten vor dem Start beschreiben?

Jeder Rennfahrer hat da andere Rezepte. Im Vorstart ist ein kleiner Schwatz oder ein Autogramm immer drin. Während der Startaufstellung gehe ich dann nochmal die Strecke im Kopf komplett durch. Schaltpunkte, Linie, Bremspunkte laufen wie in einem Film vor mir ab. Bis dahin bin ich auch meist recht ruhig. Doch die Zeit zwischen dem Motorenanlassen und dem Beginn der Einführungsrunde ist für mich der emotionale Höhepunkt. Der Puls steigt. Mit Beginn der Einführungsrunde werde ich meist wieder locker. Aber diese Sekunden sind jedes Mal ein Adrenalinerlebnis der Extraklasse.   


Welche Rennstrecken Europas magst du, welche nicht, und warum?

Ganz klar, Spa Francorchamps, die Nordschleife, der Salzburgring und der Sachsenring sind meine absoluten Lieblingstrecken. Ich liebe es, wenn eine Strecke nicht auf dem Reißbrett eines Architekturbüros entstanden ist, sondern der Natur angepasst wurde. Berg auf, Berg ab, blinde Ecken, bei denen man die Einlenkpunkte genau kennen muss. Also Strecken, die den Fahrer fordern. Auch ist die Atmosphäre dort eine andere. Vielleicht auch, weil ich dort überall schon große Erfolge hatte.

Nicht so gern bin ich auf dem Spritkurs des  Nürburgring unterwegs, also der Kurzanbindung. Ich finde, da ist nicht ein Streckenabschnitt dabei, wo du es richtig fliegen lassen kannst. Aber das ist mein persönliches Empfinden.


Was sind noch deine Hobbys?

Ein Winter ohne Skifahren ist für mich wie ein Sommer ohne Sonne. Seit meinem dritten Lebensjahr stehe ich jeden Winter auf den Brettern. Das macht mir super viel Spaß und ist zugleich ein sehr gutes Winterhöhentraining vor jeder Saison. Im Sommer ist mein Zeithaushalt doch recht eng, um andere Hobbys regelmäßig zu betreiben. Verschiedene Ballsportarten wie Badminton, Tennis oder auch Radfahren betreibe ich zum Entspannen.